Erfahrungsberichte

Von Hanno Engelhardt

GEDANKEN ZUM QIDAO

Wie bin ich zum Qidao gekommen?

Einfach so.

Meine Frau betrieb es schon, übte regelmäßig auch zu hause. Und nach dem, was sie mir erzählte, war mir klar, das ist keinesfalls was für mich. Ich war auf der Suche nach ganz anderem. Ich war gestresst, oft genervt und wütend. Da, davon war ich überzeugt, brauchte ich etwas ganz anderes, etwas inhaltsreicheres, kunstvolleres, etwas anspruchsvolleres eben. Da ich mich um dieses ganz andere aber nicht kümmerte, kam ich mal zu einem Einführungswochenende mit. Seitdem weiß ich, Qidao ist genau mein Ding.

Warum?

Das fragen alle und ich kann es nur schwer beschreiben. Es ist ein Weg nach innen, ein individueller Erfahrungs- und Erkenntnisweg. Was tue ich da? Nichts. Hinstellen und entspannen. Und mich mit einer Theorie befassen, die aufgrund des chinesischen Vokabulars recht sperrig wirkt.

Auf dem Einführungswochenende lernte ich das chinesische Prinzip des 無為 wuwei kennen. Hinstellen, entspannen, loslassen. Es fiel mir so einfach. Es war nicht das Klischee der Meditation, wo es mucksmäuschenstill sein muss. Denn es ist eine äußere Form, wenn es mucksmäuschenstill sein muss. Kann eine äußere Form einen Weg nach innen leiten? Nein. Eine Form ist eine Beschränkung. Wenn wir üben, gibt es aber keine Beschränkungen. Alles darf geschehen, nichts muss geschehen. Alles soll losgelassen werden. Loslassen, nicht unterdrücken. Vorbeiziehen lassen, nicht darauf aufsteigen.

Spontan, intuitiv konnte ich mich drauf einlassen. Ich denke, das muss klappen, wenn man diesen Weg gehen will. Aber es klappt nicht bei jedem. Deshalb gibt es verschiedene Wege.

Stehen und entspannen. Im Lauf der Jahre bin ich damit diesem Prinzip des 無為 wuwei näher gerückt. Was ich früher entspannen nannte, betrachte ich jetzt als ziemlich bruchstückhaftes Nachlassen in der Anspannung. Ich kann nur Stück für Stück lernen, einige Schichten der Anspannung abzuwerfen und zu erahnen, wie es sein kann zu entspannen. Es lässt sich vergleichen mit dem Ende des Winters, wenn man bei ansteigenden Temperaturen langsam die Bekleidung Schicht für Schicht ausdünnt. Wobei ich heute weiß, dass ich immer noch nicht weiß, was tiefes Entspannen ist. Es dauert sozusagen noch eine Weile, bis der Sommer da ist.

Und manchmal, als wie wenn es im April noch einen Kälteeinbruch gibt, zieht man auch mal wieder automatisch eine Schicht mehr an als am Vortag. So einfach ist es doch nicht immer. 無為 wuwei ist letztlich das Radikalste, was denkbar ist. ALLES loslassen. Dem kann man sich nur langsam annähern. Ich jedenfalls. Denn es gibt so vieles, von dem ich gar nicht wusste, es ist in mir und kann auch losgelassen werden.

An dieser Stelle nebenbei gesagt, bin ich deshalb auch froh, einen Lehrer zu haben. Dieser Gedanke schien mir zunächst fremd. Aber der Lehrer ist diesen Weg bis zum Ende gegangen. Er kann mich anleiten, wenn ich nicht weiter weiß. Lernen muss ich es allerdings selbst, wie ich diesen Weg gehe. Gelingt es mir, bietet er mir auch noch ein Vokabular, mit dem ich mich übers Neu-Kennengelernte austauschen kann. Ich finde es hier sogar eine hilfreiche Last, dass das Vokabular aus dem Chinesischen kommt. Begriffe aus dem Deutschen könnten religiöse, philosophische oder psychologische Schubladen öffnen, die vielleicht eine Zeit lang meiner Entwicklung entsprechen. Aber wenn eine Entwicklung weitergeht, ist es manchmal schwierig eine Schublade wieder zu schließen. Da erscheint es mir einfacher, meine Erkenntnis individuell wachsen zu lassen, was es heißt, mit dem qi das dao zu praktizieren und letzteres vielleicht eines Tages sogar zu erlangen.

Ich übte weiter, lernte tiefer zu entspannen. Ich lernte auch, jeder Schritt bedeutet zu erkennen, dass ich noch etwas loslassen kann. Da denke ich dann, jetzt ist es die tiefste Stille. Bis ich merke, dieser Gedanke ist schon nicht mehr die Stille, an diesem Gedanke halte ich noch fest. Tja. Ich lerne über mich, wie ich mich selbst austrickse. Immer wieder. Und wie ich diese Tricks loslassen und immer wieder Stille in mir finden kann. Mühsam, aber nicht hoffnungslos.

Es ging mir nicht immer gut in den Jahren. Schmerzen kamen, auch Schwindel und Übelkeit. Begleitet war dies oft genug von emotionaler Verwirrung, wo lachen, weinen und schreien sich unterschiedslos elend anfühlen. Stets kam aber auch die Überwindung der Krise. Und, wie der Lehrer ankündigte, beim nächsten mal war die Krise etwas weniger schlimm. Ich hoffe natürlich, irgendwann lösen alle Krisen sich auf. Vielleicht muss ich diese Hoffnung aber auch noch loslassen lernen.

Mein anfängliches Ziel habe ich übrigens erreicht. Ich bin weniger gestresst, weniger genervt und wütend. Anfangs dachte ich noch, es macht mich vielleicht zu einem besseren Menschen. Das stimmt natürlich nicht. Ich kann nur sein, wer ich bin, und mich nicht einer vagen Vorstellung angleichen. Auch wenn Veränderung stattfindet. Mir ist inzwischen einfach nur ein bisschen mehr Gelassenheit eigen, vor allen bezüglich meiner eigenen Ecken und Kanten.

Das ist der Zwischenstand. Auch wenn es oft nicht einfach war und ist, hatte ich selten Zweifel, das für mich Richtige zu tun.

Warum?

Mal wieder diese Frage. Die wird bleiben, fürchte ich. Es ist einfach mein Weg. Der wird mich noch eine Weile begleiten. Inzwischen ist es mir Bedürfnis zu üben. Ob es mich letztlich zur Erlangung des Dao führt, weiß ich nicht. Es führt mich im Moment tiefer in meine Stille, tiefer in mein wahres Selbst. Und das erscheint mir als der spannendste Platz, der begehbar ist.

Hanno Engelhardt

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